An einem
Ort, an dem andere Leute vielleicht eine Burg oder einen befestigten
Ort zur Verteidigung hingebaut hätten, haben die Leute aus dem Valsesia
auf größtmögliche Art und Weise ihre künstlerische und religiöse
Identität ausgedrückt: Den Sacro Monte di Varallo, den Heiligen
Berg Varallo.
Auf einem steil aufragenden Felsen über
dem Städtchen gelegen, so daß er überall sichtbar ist und selber die
Stadt bewachen kann, scheint der Sacro Monte den Charakter der Leute
aus dem Valsesia widerzuspiegeln: Künstler und Individualisten, wenig
geneigt, sich unterdrücken zu lassen, eifersüchtig auf ihre
Unabhängigkeit und Kreativität bedacht.
Am Ende 15. Jahrhunderts hatte Pater Bernardino
Caimi
die Idee, ein "Neues Jerusalem" zu erbauen. Verwirklicht wurde diese
Idee unter Mitwirkung der größten Künstler aus dem
Valsesia, allen voran Gaudenzio Ferrari. Diese ideale
Heilige Stadt besteht aus 50 Kapellen, die mit Gemälden und Statuen in Lebensgröße
die Passion und den Tod Christi sinnlich erfahrbar machen.
DIE WALSER-KULTUR
Ein anderer Schatz, den das Valsesia mit den benachbarten Tälern teilt,
ist die Walser-Kultur.
Am Fuß des Monte Rosa lebt seit über
sieben Jahrhunderten eine deutschsprachige Gemeinschaft, die einst
aus dem Oberen Wallis in der Schweiz hierhin gekommen ist. Mit
großem Eifer haben sie ihre eigene Kultur bewahrt, die sich in
der Sprache, den Traditionen und vor allem in einer Architektur
ausdrückt, die auf der ungemein geschickten Verwendung
von Holz und Stein gründet. Dazu kommt die Fähigkeit, das
Zusammenleben und die wirtschaftlichen Grundlagen des Zusammenlebens
sehr effektiv zu organisieren.
Bewunderungswürdig sind die Dörfer
Alagna und ganz besonders Otro, die nur zu Fuß zu erreichen
sind, in wenig mehr als einer Stunde steilen Weges.
Aber auch in anderen Orten, besonders
in Rima und Rimella,
ist es noch möglich, die Zeugnisse einer
grenzüberschreitenden Kultur zu besichtigen, sicherlich die
bedeutendste im ganzen Alpenraum.
Zwei kleine Museen, die in alten
Wohnhäusern untergebracht sind, können helfen, die Walser
kennenzulernen. In Pedemonte di
Alagna, mitten im Ort und sehr klug angeordnet und in Rabernardo
di Val Vogna, in Panoramalage.
Varallo, die historische und
kulturelle Hauptstadt des Tales, ist es, abgesehen vom Sacro
Monte, wert, daß man seine charakteristische Stadtanlage aus dem
18. Jahrhundert näher kennenlernt. In der Stadt findet man weitere
künstlerische Glanzlichter,
so das Kolleg San Gaudenzio und den Palazzo dei Musei, den Palast
der Museen, in dem sich die reichhaltige Pinakothek befindet, sowie
das Museo Calderini für Naturwissenschaften. Das Innere der
Kirche Santa Maria delle Grazie wird beherrscht von der erstaunlichen
Gaudenzio-Wand, mit einem Freskenzyklus über das Leben und die
Passion Christi, ein Meisterwerk von Gaudenzio Ferrari.
Beachtung verdienen auch
der Palazzo
d'Adda, Schauplatz von Ausstellungen und Kongressen, sowie der
beeindruckende Komplex der ehemaligen Kureinrichtung für
Hydrotherapie, heute Sitz des Hoteliers-Instituts.
Am
Ortseingang von Varallo befinden sich die kleine Loreto-Kapelle mit
sehr interessanten Fresken und die Kirche San Marco, romanischen
Ursprungs und damit eine der ältesten Kirchen des Tals.
WANDERWEGE ZUR KUNST
Eine andere Möglichkeit, in einem sowohl die künstlerischen
Schmuckstücke als auch die Landschaft des Valsesia kennenzulernen
besteht darin, einige Wege - größtenteils zu Fuß
- entlangzuwandern, die sogenannten "Wanderwege zur Kunst".
Wenn man von Boccioleto in das Val Cavaione emporsteigt, kann man
unter anderem die sehr alten Fresken der Kapelle auf der Alm Seccio
bewundern,
die bis auf das Jahr 1446 zurückgehen. Aber auch von Scopa,
Campertogno, Cervatto, Rossa und Quarona gehen Wege ab, welche die
Landschaft zusammen mit der Geschichte der Gegend erleben lassen. Von
besonderem Interesse ist dabei der Dolcino-Pfad von Rassa
nach Trivero, im Biellese, auf den Spuren des häretischen
Mönchs Fra Dolcino,
der in Dantes "Göttlicher Komödie" erwähnt wird.
Für die Freunde der Musik bietet das Valsesia Konzerte auf den
historischen Orgeln seiner Kirchen, aber auch internationale
Wettbewerbe für Gesang und Klavier.
DIE FOLKLORE IM VALSESIA
Handwerk, Bräuche und Traditionen haben ihr eigenes Haus
in Borgosesia, im Museum für Folklore des Valsesia und im
Juni ein eigenes Fest in Varallo, mit einer Parade von Trachten
aus dem Valsesia. Einen Ehrenplatz verdient das "Puncett",
die alte Kunst der Spitzenklöpplerei, die heute wieder neue
Anerkennung findet durch eigene Schulen und das Museo del Puncetto in
Fobello. Dort kann man auch die "scufogn" oder "scapini"
bewundern, eine Art von Pantoffeln aus Stoff. Aber die
künstlerische Tradition des Valsesia setzt sich heute auch durch
die Rückkehr der Handweberei wieder durch, durch
Holzintarsienarbeiten und durch Steinbearbeitung. Dabei ist der
nachgemachte Marmor aus Rima besonders bemerkenswert, eine
traditionelle dekorative Technik, die durch Künstler aus Rima in
ganz Europa verbreitet wird.
Die typische Küche bietet Gerichte an, die zwar arm sind, was die
Zutaten betrifft, aber reich an Phantasie, welche die Leute aus dem
Valsesia dort hineingesteckt haben. Da gibt es zum Beispiel die
''Miacce", ein einfaches Mehlgebäck, nach Geschmack mit Marmelade
oder Honig gefüllt, natürlich aus dem Valsesia kommend.
Ein Ehrenplatz gebührt der "Toma", dem typischen Käse
der Täler des Valsesia, auf den Almen und in der modernen
Käserei in Piode hergestellt.
Zu den beliebtesten und meistbesuchten Veranstaltungen gehört
der Karneval von Borgosesia, mit dem charakteristischen Tag des "Mercu
scurot".